Rückblick Podium ‚Wachstum oder Wildwuchs‘

Am vergangenen Freitag fand im Rahmen des landeskirchlichen Kongresses ‚Wachsende Kirche‘ eine Podiumsdiskussion zwischen Kirchenleitung und Vertretern neuer geistlicher Aufbrüche in der Kirche statt. Knapp eine Stunde standen unter der Moderation von Pfarrer Johannes Eißler (AMD) die Gesprächspartner Rede und Antwort. Nun wirklich Bahnbrechendes ist nicht verhandelt worden, jedoch sind für mich einige Gedanken neu deutlich geworden:
1. Geistliche Aufbrüche sind von der Kirchenleitung gewollt. Sowohl Dekan Ralf Albrecht, wie auch Prälat Prof. Christian Rose sprachen sich für diese Aufbrüche aus und sogar Prälat bestätigte öffentlich, was uns als Vineyard in Württemberg bisher nur in persönlichen Gesprächen deutlich gemacht wurde: Die Vineyard-Gemeinschaften dürfen/sollen als junge Gemeinschaftsbewegung, sowie als Gemeinschaftsgemeinden integriert werden. Wie dies konkret aussehen kann, werden Gespräche mit Pietismus und der Kirchenleitung weiter zeigen. Allein das öffentliche Statement ist sehr ermutigend.

2. Eine Diskussion um Strukturen treffen nicht den Kern der Herausforderung. Strukturen so scheint es, schaffen eine klare Klärung der offenen Fragen. Ich empfinde es jedoch, gerade nach den vielen Begegnungen an diesem Tag, dass es darum geht eine Mentalität des Mangels, der Furcht und der Selbstbezogenheit zu überwinden. Am Ende des Tages sind es immer Menschen mit denen wir uns auseinander setzen. Es wippen mir immer wieder Feindbilder entgegen, wie die ‚da oben sind nicht fromm genug‘ oder ‚zu viel Unausgegorenes‘. Meine Frage, die aus dem Tag mitnehme, ist eine Kultur des Dialoges, des Vertrauens, der konkrete, verbindliche Lösungen hervorbringt – jenseits des politischen Lavierens und des Ausgleichens. Könnte mir vorstellen, dass der Kongress dazu einige Schritte dazu bereiten konnte.

3. Wird und wie findet die Kirche (auf allen Ebenen) zu einer Kultur der mutigen Führung? Tradition ist gut und jede Form von Progression muss sich an ihr messen und beurteilen lassen. Wir sind keine geschichtslosen Wesen und haben die Grundwahrheiten des Evangeliums für unsere Zeit zu interpretieren und auszuleben. Dies gelingt nur, wenn wir neue Wege gehen in der Kenntnis der alten Wege. Für die Leitung bedeutet dies, mutig Lebensverhinderndes zu beseitigen und Raum für Neues zu schaffen. Dazu brauchen wir eine Tradition, die angstfrei das Neue als Bereicherung willkommen heißt anstatt es zu marginalisieren.

4. Die Zeit der Papiertiger ist vorbei. 1992 war ich als junger Kerl bei einem Gemeinde-Kongress zum Thema ‚Gemeindegründung in der Volkskirche‘ statt. Das Thema war heiß, ich war begeistert, jedoch dann sehr ernüchtert, weil neben theologischen Imperativen, keine echten Initiativen, geschweige denn deutsche Modelle vorhanden waren. Ergebnis des Kongresses damals – eine reißerische Meldung in IDEA und komplettes Unverständnis seitens der Kirchen. Eigentlich keine Überraschung. Heute stehen wir an einem ganz anderen Ort. Alleine in Württemberg haben wir eine Reihe konkreter Projekte, die es beweisen. Evangelische Christen leben leidenschaftliches Priestertum aller Gläubigen. Sandy Dettenhammer brachte es charmant und pointiert auf den Punkt: „Junge Menschen bauen Gemeinde und es geht!“ Uuups. Wer hat denn das erlaubt? Ein Klima von Glasnost (Öffnung) macht sich breit. Wer kann sich noch an Michail Gorbatschow erinnern? Er hat es ermöglicht, dass Menschen Neues dachten und es war erlaubt. Dann kam Perestroika (Umbau). Mal sehen wie das aussehen kann. Bin gespannt, was sich die Kirche dazu einfallen lässt.

Insgesamt ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass wir einen Kongress wie diesen erleben konnten. Freue mich auf die kommenden Schritte, Dialoge und Erfahrungen.

Statements von Marcus Hausner zum Thema: Statement