Predigt zum Einführungsgottesdienst

Gnade und Friede sei mit Euch.

Vielleicht habt ihr auch am Mittwoch den ersten öffentlichen Auftritt des Papstes verfolgt. Schon seine Namenswahl „Francesco“ und seine ersten Worte: Diese zurückhaltende und demütige „Buona Sierra – betet für mich“ Zeigen an, was dieser Papst auf dem Herzen hat und welche Richtung er einschlägt.

Ich lese dem ersten Kapitel des Markusevangeliums: Er berichtet uns vom ersten öffentlichen Auftreten Jesu. Auch hier wird wie beim Papst gleich deutlich gemacht, was Jesus auf dem Herzen hat und welches Ziel er verfolgt.

Markus 1,15
Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläea und verkündigte das Evangelium Gottes und sprach:  Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbei gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.

Reich Gottes, das ist das Thema, das Jesus bewegt und das ihn antreibt. Es ist seine Vision und das Leitmotiv seines Lebens: Zuerst nach dem Reich Gottes zu trachten. Und es ist sein Gebet. Vater unser im Himmel, dein Reich komme. Um das Reich Gottes dreht sich seine ganze Existenz. Aber, was meint Jesus eigentlich mit diesem Reich Gottes? Das ist nicht so ganz einfach zu greifen ist. Ich will im ersten Teil versuchen das darzustellen. Der zweite Teil soll ganz praktisch werden. Jetzt wisst ihr was auf euch zukommt.

Der Schüler Siegmund Freuds C.G. Jung hat vom kollektiven Unterbewussten gesprochen. Im kollektiven Unterbewussten – so Jung – schlummern Träume, Sehnsüchte und heimliche Wünsche der Menschen. Er spricht von Archetypen. Das Reich ist – so Jung – solch ein Archetyp.

Im kollektiven Unterbewussten schlummert also der Traum vom Reich und die Sehnsucht, dass wenn das Reich gekommen ist, dass dann das Glück zum Greifen ist. Wenn das Reich heraufgeführt ist, dann wird alles Gut werden und dann werden paradiesische Zustände herrschen. Von Zeit zu Zeit steigt dieser Traum vom Reich an die Oberfläche und nimmt Gestalt an.  Was wollten die Ägypter und die Römer, was Karl der Große, die Kaiser des Mittelalters bis hin zu Wilhelm II? Was wollen die Amerikaner, und was die Chinesen? Alle wollten sie das Reich. Und indem sie ihren Traum zu verwirklichen versuchen, erhoffen sie das Glück zu finden. Hinter all diesen Reichen zieht sich immer auch einen mehr oder weniger breite Blutspur. Auch wenn diese Reiche manches Gutes zustande gebracht haben, zu ihnen gehört die Gewalt und die Ungerechtigkeit und der Tod. Die perverseste Reichsidee in der Geschichte, ist Hitlers Versuch gewesen ein genetisches Reinigungsprogramm durchzuführen.

Liegt diese Sehnsucht nach dem Reich in uns, weil Gott selbst diese Sehnsucht in uns gelegt hat? schlummert in uns dieser Traum vom Reich, weil Gott selbst Sehnsucht nach dem Reich hat? Eine Menschheit, die das Paradies verloren hat, verfehlt das Ziel und baut ganz andere Reiche als Gott sich das vorstellt.

Gottes Sehnsucht nach seinem Reich ist der rote Faden in seiner Geschichte mit seiner Schöpfung. Im Paradies steht der Baum des Lebens. Die Menschen sollen von ihm essen. Sie sind auf die Gemeinschaft mit dem Schöpfer hin geschaffen unter seiner Herrschaft sollen sie für immer leben. Doch stattdessen verliert der Mensch das Paradies.

Die Geschichten des Alten Testamentes kann man doch so verstehen, dass Gott seinen Traum von seinem Reich nicht aufgibt. Immer wieder versucht er mit Noah und Abraham, mit Mose und David seinen Traum vom seinem Reich zu verwirklichen. Ist es eine Erfolgsgeschichte oder eher eine Geschichte des Scheiterns? Und jetzt taucht Jesus auf und behauptet die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist herbei gekommen.

Das Besondere dabei ist, dass hier einer nicht bloß etwas behauptet, sondern wo er auftaucht, da erleben die Menschen den Einflussbereich Gottes. Wo Jesus ist, da ist das Reich Gottes. Jesus ist das Reich Gottes in Person! In den Versen, die auf unsern Text folgen, ist das mit Händen zu greifen.

Jesus macht kranke Menschen gesund: Gelähmte, Blinde, Menschen, die von Dämonen beherrscht werden. Dämonen ist zueigen, dass sie Spaß daran haben Menschen zu quälen. Genauso ist es bei einer Krankheit, die man nicht loskriegt, sie quält einen. Jesus befreit diese gequälten Menschen.
Wenn der lebendig Gott zu seiner Schöpfung kommt, dann müssen die Quälgeister weichen, dann werden die gequälten Geschöpfe gesund.
Wenn Gott zu seiner Schöpfung kommt, dann werden die Bazillen des Todes vertrieben, die Keime des Lebens breiten sich aus. Genau das erfahren die Menschen in Jesu Nähe.

In der Heilung der Kranken wird das Reich Gottes leibhaftig. Es bleibt nicht nur bei Worten. Jesus Heilungswunder sind Reichswunder! Wenn Gott seine Herrschaft ganz und gar in unserer Welt aufrichtet, dann sind die Wunder Jesu gar nichts Besonderes mehr, sondern das Selbstverständliche. Wenn Gott zu seiner Schöpfung kommt, dann müssen Krankheit und Leiden fliehen, wie die Finsternis vor dem Licht. Wie alle schwere Krankheiten Vorboten des Todes sind, sind die Heilungswunder Jesu Vorboten der Auferstehung. Wenn Gott seine Herrschaft ganz aufgerichtet hat, dann wird vollendet, was Jesus an den Kranken angefangen hat.

Jesus setzte sich mit den Menschen an einen Tisch, von denen die gute Gesellschaft nichts wissen will. Mit Prostituierten, mit Schurken und Gaunern, die andere übers Ohr gehauen haben. Damit nimmt er die Tischgemeinschaft aller Menschen im Reich Gottes vorweg. Ein Levi, ein Zachäus eine Maria Magdalena erfahren, wie sich das anfühlt, wenn Gott seine Herrschaft aufrichtet und sie bekommen einen Vorstellung davon, wie das in Gottes neuer Welt sein wird.

Jesus konnte so von Gottes Einflussbereich erzählen, dass den Menschen, die ihm zu gehört, selbst haben erlebt, dass Gott seine Herrschaft in Leben ihrem aufrichtet. Jesus benutzte Bilder, Gleichnisse, Parabeln. Jesus erzählt, wie sich ein Vater unendlich darüber freut seinen abgestürzten, verlorenen Sohn zurückzubekommen, wie ein Schaf verloren geht und der Hirte alles daransetzt es wiederzufinden. Er erzählt von der Natur, die aufwächst und blüht, es sind Bilder aus der Frühlings- und Sommerszeit, die er benutzt, nie aus Herbst und Winter.

Indem Jesus so erzählt, erlebten die Menschen, wie Gott sich über sie freut und wie es Frühling und Sommer in ihrem Leben wird. Das Reich Gottes, das ist der weiter Raum, in dem sich unser Leben entfalten kann. Ich könnte weiter erzählen wie die Menschen in Jesu Gegenwart Gottes Herrschaft erfahren.

Wie Jesus den Armen, für die es nach menschlichen Maßstäben keine Zukunft gibt, Hoffnung macht und wie er sie ermutigt und ihnen eine wunderbare Zukunft verheißt. Wie Jesus die Kinder in den Arm nimmt, die schwächsten Glieder der Gesellschaft herzt und segnet er. Frauen erleben bei ihm, dass sie gleichberechtigt sind. Menschen erfahren Würde und Wertschätzung und Annahme.

Wo Gott sein Reich aufrichtet, da blüht das Leben auf, Menschen werden froh und gesund und heil. Da ist Vergebung. Da ist Frühling und Sommer. Indem Gott den gekreuzigten Jesus auferweckt, unterstreicht er: Das, was dieser Jesus angefangen hat, was er geglaubt und gehofft und gelebt hat, das werde ich vollenden. Und am Auferstanden erkennen wir, wie weit dieses Reich Gottes reicht. Wir erkenne am auferweckten Christus, wie das sein wird, wenn Gott seine Herrschaft ganz und gar aufrichten wird.

Jesus ist der erste, an dem die Neuschöfpung aller Dinge begonnen hat.
Die biblischen Bilder dafür sind, dass der Tod nicht mehr sein wird und dass Gott alle unsere Tränen abwischen wird, dass Gerechtigkeit sein wird und dass der Löwe zum Vegetarier werden wird. Dass die ganze Schöpfung frei wird und teilhaben soll an der Neuschöpfung aller Dinge. Am Auferstandenen unterstreicht Gott : Diese meine Schöpfung werde ich nicht verloren geben, sondern ich komme und richte mein Reich auf. Dann wird alles, was ist aufleben in der ewigen Gemeinschaft mit mir.

Unser Leben – und nicht nur unser Leben, sondern alles was ist, wird geheilt, versöhnt, zurechtgebracht und vollendet und kommt damit zu der Bestimmung, die Gott für uns hat. Es ist eine Welt in der vollendet sein wird, was Jesus angefangen hat. Jetzt kommt die entscheidende Frage:

Was machen wir bis dahin, bis Gott sein Reich vollenden wird?

Man kann ja auf den Gedanken kommen, ach bis das endlich geschehen wird, wird es eh keinen Himmel auf Erden geben. Dieser Gedanke hat vermutlich recht, aber sollen wir uns deshalb damit abfinden, dass es hier auf Erden oft genug zugeht wie in der Hölle. Man kann auf den Gedanken kommen, es wir in dieser Welt nie Gerechtigkeit herrschen, das wird erst wirklich werden, wenn Gott seine Herrschaft vollendet. Aber sollen wir deshalb die Hände in den Schoss legen und uns nicht gegen die Ungerechtigkeit empören.

Man kann auf den Gedanken kommen, in dieser Welt wird das Weinen nie verstummen, dieser Gedanke wird so unrecht nicht haben. Aber wollen wir das hinnehmen, dass es so viel Leiden und so viel Not gibt und wollen wir deshalb sagen: Das ist eben so.

Man kann auf den Gedanken kommen, dass es auf Erden keinen Frieden geben wird, solange nicht bis Gott sein Reich vollendet, vermutlich ist dieser Gedanke nicht zu widerlegen, aber wollen wir uns deshalb damit abfinden und sagen, so sind die Menschen eben, sie bringen sich halt um.

Jesus hat uns die Hoffnung gegeben, dass Gott sein Reich vollkommen aufrichten wird. Er hat gesagt: Ändert Euren Sinn, glaubt an das Evangelium. Vertraut dieser Hoffnung, sie wird Wirklichkeit werden. Wenn wir aber Jesus glauben, das Gott am Ende alle Tränen abtrocknen wird und die Krankheiten vertreiben wird und aller Ungerechtigkeit den Gar ausmachen wird, dann werden wir uns darin heute als seine Jüngerinnen und Jünger erweisen, dass wir hoffen was er gehofft hat und leben wie er gelebt hat und das weitersagen, was er gesagt hat.

Versteht ihr, unsere Hoffnung ist ein Lebensstil.

Unsere Hoffnung darauf, dass Gott sein Reich aufrichtet und alle Tränen abwischen wird, drücken wir darin aus, dass wir heute schon einmal einem die Tränen abtrocknen.

Der Hoffnung, dass Gott einmal alle Menschen und Völker in einem Frieden, den nur er geben kann, versammeln wird, geben wir so Gestalt, dass wir heute schon anfangen uns mit einem zu versöhnen, mit dem wir im Streit leben.

Wir werden der Hoffnung, dass es einmal keine Armen und keine Ausgegrenzten mehr geben wird und dass es einmal keiner mehr Hungern wird und dass es keinen Krieg mehr gibt, verleihen wir heute ein Gesicht, indem wir einen Menschen speisen, einen Kranken besuchen und für ihn beten und uns um einen Armen kümmern.

Die Hoffnung darauf, dass Gott seine Herrschaft eines Tages vollenden wird, und dass er dann auch alles was er geschaffen hat an seinem ewigen Leben teilhaben lässt, der geben wir heute ein Gesicht, indem wir die Schöpfung lieben. Und es halten wie der Löwe – und Vegetarier werden. Sollten wir uns damit schwer tun, dann wollen wir wenigsten damit anfangen uns vom Leiden unserer Mitgeschöpfe anrühren zu lassen. Wir geben dieser Hoffnung heute schon ein Gesicht in dem wir, unsern ökologischen Fußabdruck möglichst klein halten, den Regenwurm von der Straße auflesen und ins Gras legen, und uns in der Erfurcht vor allem was lebt und ist einüben.

Hoffen wir das Beste, heißt für uns: Leben wir das Beste.

Was machen wir bis dahin bis Gott seine Herrschaft vollendet aufrichten wird, wir leben es: Das heißt Umzukehren und an das Evangelium zu glauben. Ohne die Anmaßung wir könnten das Reich Gottes herbeiführen und den Frieden und die Gerechtigkeit selber zustande bringen. Nein, das können wir nicht. Aber wir dürfen die Zeichen, die Jesus angefangen hat fortsetzen, bis Gott sie einmal vollenden wird.

Als Jüngerinnen und Jünger Jesu sollen wir das lernen, was immer die Aufgabe der Jünger bleibt. Die Hoffnung, die Jesus uns gegeben hat zu leben. Was wir sagen, sind wir. Was wir glauben, sagen wir. Unsere Hoffnung, dass Gott sein Reich aufrichtet, gewinnt Gestalt in unserm Lebensstil. Es ist eine Hoffnung die Jesus uns gegebenen hat, die wir ausleben, nämlich dass Gott sein Reich vollenden wird. Amen.

Impuls von Pfarrer Hans-Ulrich Läpple, Möttlingen
Ideen und Anregungen im Text u.a. von Jürgen Moltmann, Siegfried Kettling und Axel Kühnert